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RCT löst mit Materialkompositionen spezielle Aufgaben

In fast vierzig Jahren konnte sich RCT Reichelt Chemietechnik ein umfangreiches Know-how rund um den Einsatz von Kunststoffen im Maschinen-, Anlagen- und Apparatebau erarbeiten. Mit dem Firmengründer und Geschäftsführer Dr. Peter Reichelt sprach KEM Konstruktion über neue Materialien und Angebote sowie Tipps für Konstrukteure.

KEM Konstruktion: Dr. Reichelt, gibt es angesichts Ihres umfangreichen Angebots noch Potenzial für Neues?
Reichelt: Definitiv – wir sind stets auf der Suche nach neuen Materialien und Produkten, mit denen wir unser Angebot erweitern können. Derzeit sind wir beispielsweise dabei, unser Portfolio bezüglich der Antriebstechnik unter der Produktgruppen-Bezeichnung Thomadrive auszubauen. Hinzu kommen neue interessante Verbundmaterialien, etwa Materialkompositionen aus Ethylen-Propylen-Dien-Kautschuk (EPDM) und Polypropylen (PP) oder ganz aktuell Ethylentetrafluorethylen (ETFE) und Polyurethan (PUR). Nicht nur hier arbeiten wir auch mit Partnern zusammen, die uns ihr Produkt-Know-how zur Verfügung stellen. In der Summe bieten wir auf diese Weise über alle sieben Produktgruppen hinweg zirka 80.000 Artikel an – rund zwei Drittel davon halten wir auf Lager! Entscheidend dabei ist unsere Philosophie des Angebots und Vertriebs der kleinen Quantität – verbunden mit einer hohen Verfügbarkeit der Produkte und damit der Lieferung ‚just in time‘.

KEM Konstruktion: Wollen Sie uns etwas mehr verraten speziell zu den Verbundmaterialien?
Reichelt: Innerhalb unserer Thomaplast-Halbzeuge ist das die Produktreihe Thomapren, die High-Tech-EPDM/PP-Platten umfasst als Materialkomposition aus Ethylen-Propylen-Dien-Kautschuk und Polypropylen mit stabilisierenden Additiven. Die EPDM/PP-Platte gibt es standardmäßig in unterschiedlichen Materialstärken ab 0,5 mm Dicke. Die Shore-Härte liegt bei A 64 ±5 gemäß DIN 53503. Das Material ist beständig bis maximal +135 °C, kurzfristig aber auch bis +150 °C, weist eine sehr gute chemische Beständigkeit auf und entspricht den Regelwerken der FDA-Norm 21, CFR § 177.2600, LMBG, NSF 51 sowie EU 2003/11/EC. Gerade für die Lebensmittel- sowie Biotechnik stellt die Thomapren-High-Tech-EPDM/PP-Platte eine Neuheit dar, da sie alle wichtigen Parameter der FDA-Konformität, der thermischen Belastbarkeit sowie der chemischen Resistenz vereint. Richtungsweisend sind weiterhin Sandwich-Platten aus Butyl (IIR), FPM/FKM (Viton) oder Silikon (Silikon-Kautschuk/Thomasil) jeweils mit Thomaflon-Auflage (PTFE); standardmäßig ab 1 mm Materialstärke ab Lager verfügbar.

KEM Konstruktion: Mit der Kombination zweier Grundmaterialien kann ich also ganz gezielt auf die Anforderungen der jeweiligen Applikation eingehen…
Reichelt: …weil diese Kombimaterialien gleichermaßen beständig wie auch flexibel sind! Das ist vor allem in der Pharmazie sowie der Medizin- und Biotechnik ein wichtiges Thema, beispielsweise bei der Fermentation. Will man hier die Behälter auskleiden und das Material verschweißen, geht das mit anderen Elastomeren nicht so leicht. Von Vorteil ist hier, dass wir viel mit kleinen Unternehmen sowie Start-ups sprechen, die Ideen auch umsetzen. Ein weiteres Beispiel sind etwa ETFE/PUR-Verbundschläuche. Deren Innenseele besteht aus Ethylentetrafluorethylen (ETFE) mit Polyurethan (PUR) als Außenmantel – was kleinste Biegeradien ohne Knickgefahr ermöglicht.

KEM Konstruktion: Ein Kernelement Ihres Angebots ist die Schlauchtechnik mit der Marke Thomafluid. Welche Anforderungen der Anwender wollen Sie hier adressieren?
Reichelt: Die Produktsparte Thomafluid ist eindeutig unser Hauptumsatzträger. Als ich vor 39 Jahren die Gesellschaft gründete, begannen wir mit einem schmalen Schlauchangebot neben anderen Produkten der Schlauchtechnik – etwa Schlauchfittings, Hähnen, Ventilen und Pumpen. Es stellte sich jedoch heraus, dass das Schlauch-Programm überproportional angenommen wurde und uns Kundenanfragen erreichten, die uns ermutigten, das Programm expansiv zu erweitern. Im Vordergrund stand hierbei ein Schlauchprogramm zu entwickeln, mit dem wir jeglichen Bedarf an weichen Kunststoffschläuchen (Elastomerschläuchen) sowie harten Kunststoffschläuchen abdecken. Doch der Werkstoff war pro Schlauchtype nicht das einzige Kriterium, sondern auch die Verfügbarkeit aller nur denkbaren Dimensionen, die für das Labor, das Technikum und den Betrieb relevant sind. So bieten wir pro Schlauchtype teilweise bis zu 30 Schlauchdimensionen an und dies wiederum in unterschiedlichen Schlauchlängen, beispielsweise 3, 9 und 15 m. Hier spiegelt sich ebenfalls unsere Philosophie ‚Vertrieb der kleinen Quantität‘ wider.

KEM Konstruktion: Gibt es – speziell etwa für Anwender aus dem Maschinenbau beziehungsweise der Fluidtechnik – Tipps, die Sie Konstrukteuren aufgrund Ihrer langen Erfahrung mitgeben können?
Reichelt: Generell müssen Fördermedium und Schlauchmaterial aufeinander abgestimmt werden. In diesem Zusammenhang sind die Druck- und Temperaturbedingungen zu prüfen – beide Größen stehen im Zusammenhang und spielen in der Schlauchtechnik eine bevorzugte Rolle. Auch die Aktivität (Aggressivität) des zu fördernden Mediums nimmt bei steigender Temperatur zu. Der Techniker und Konstrukteur im Maschinenbau sollte sich also stets vor der Projektierung beziehungsweise vor dem Aufbau einer Versuchsanlage mit der Kunststofftechnik befassen. Beachtet man das Zusammenspiel der Parameter chemische Beständigkeit, Druck und Temperatur nicht, kommt es unweigerlich zum Betriebsunfall – das heißt der Schlauch löst sich auf oder er platzt. Dies kann vermieden werden, wenn man die physikalische Chemie im Auge behält und versteht, wie die einzelnen Parameter zusammenspielen.

KEM Konstruktion: Im Zusammenhang mit der allgegenwärtigen Industrie-4.0-Debatte steht vor allem das Thema der vorausschauenden Wartung im Vordergrund. Sehen Sie den Bedarf, den Schlauch an sich ‚smart‘ zu machen – sprich mit Sensorik auszustatten, so dass sich der Zustand permanent erfassen lässt?
Reichelt: Der Aspekt Industrie 4.0 ist für uns noch kein Thema und wird, so glaube ich, auch so schnell keines werden. Will man sich in diesen Gedanken ‚hineinfühlen‘, so müssten die Schläuche beispielsweise mit Sensoren ausgerüstet werden, um rechtzeitig Informationen an die Steuerungsebene weiterzugeben. Für Schläuche eine hochinteressante, gleichzeitig aber auch schwierige Aufgabe – einfach deshalb, weil hier wie bereits erwähnt viele Parameter Einfluss haben, die in diesem Zusammenhang schwer aufeinander abzustimmen sind.

KEM Konstruktion: Welche technologischen Herausforderungen sehen Sie generell in der Fluidtechnik? Hat diese Technologie – angesichts der zunehmenden ‚Elektrifizierung‘ – weiter Bestand?
Reichelt: Die Schlauchtechnik und damit die Fluidtechnik ist wie die Chemie-, Prozess- und Verfahrenstechnik für den Maschinenbau ein elementarer Grundbaustein. Sicher ist, dass die Technologie fortschreitet und immer neue Materialien entwickelt werden, um so die Anwendungsbreite bezüglich der chemischen Beständigkeit, gepaart sowohl mit der mechanischen als auch thermischen Belastbarkeit, aufeinander abzustimmen und technologisch zu sichern.

KEM Konstruktion: Verstehen Sie sich deshalb mehr und mehr auch als Engineering-Partner, der bei der Lösung besonderer Aufgabenstellungen miteinbezogen werden kann?
Reichelt: Ihre Frage ist verlockend – in erster Linie verstehen wir uns als Problemlöser unseren Kunden gegenüber. Unsere Verfahrenstechniker sind täglich bemüht, kritische Aufgabenstellungen unserer Kunden umzusetzen, wobei sich aus den Gesprächen oft neue Produktanstöße ergeben, die uns und unsere Partner innovativ werden lassen. Dieses Zusammenspiel zwischen anwendungstechnischer Problemlösung und Innovation für neue Produktideen spiegelt die Kompetenz der Reichelt Chemietechnik als fachkundiger Marktpartner wider.

KEM Konstruktion: Lassen Sie uns abschließend noch eine Frage zu Ihren Handbüchern stellen: Wie bewältigen Sie den hohen Aufwand, der mit der jährlichen Aktualisierung verbunden ist und gibt es vielleicht Themen, die 2017 besonders hervorzuheben sind?
Reichelt: Wir verlegen pro Jahr 13 Handbücher in einer Gesamtauflage von 3,2 Mio. Exemplaren – allein für den deutschen Markt. Auf den Schreibtisch unserer Kunden gelangen unsere Handbücher durch die Beilage in Fachzeitschriften in den Branchen Maschinenbau, Chemietechnik, Konstruktionstechnik, Prozesstechnik, Biotechnik und Labortechnik. Natürlich ist der Aufwand, das heißt die ständige fachliche Redaktion ein wichtiges Arbeitsgebiet unserer Marketingabteilung, doch entsprechende EDV-Programme sichern die jährlich neue Produktion. Ganz abgesehen von der deutschen Auflage werden die Handbücher zudem zielgruppenbezogen in weiteren 13 Sprachen verlegt. 2017 erscheinen übrigens neben den Standard-Handbüchern weitere unter den Titeln ‚Thomafluid – The Best‘ sowie ‚Thomaplast – The Best‘. Hier stellen wir gezielt die Highlights des Gesamtprogramms vor.

Interview: Michael Corban, Chefredakteur KEM Konstruktion

Veröffentlicht am 15.05.2017 in KEM Konstruktion

 
 
 
 

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